Bitte keine heisse Asche einwerfen

Die Welle / Napola

“Die Welle” las ich zum ersten Mal mitte der achtziger Jahre mit 15 Jahren, und war ausgesprochen beeindruckt. Damals war die Geschichte neu auf dem Markt. Inzwischen ist sie ein Jugendbuchklassiker und gehört zum Standardrepertoire an Schulen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Wirkung des Buchs auf heutige Leser nachgelassen hat, denn die Handlung findet Ende der sechziger Jahre statt. Heute – vierzig Jahre später – sieht die Welt anders aus. Es fällt zunehmend schwerer sich in Menschen hineinzuversetzen, die vor so langer Zeit dem Experiment ausgesetzt waren. Genau wie es für die Protagonisten nicht mehr denkbar ist, dass in ihrer modernen Gesellschaft ein totalitärer Staat entstehen kann, ist es für den heutigen Leser oder Zuschauer nicht mehr nachvollziehbar, dass Schüler sich in so ein Experiment einwickeln lassen.

Dem setzen Dennis Gansel (Regisseur, “Napola”) und Peter Thorwarth (Mitarbeit, “Bang Boom Bang”) ein Ende. Es ist ihnen erschreckend gut gelungen, die Handlung auf das Jahr 2008 zu übertragen.

Wahrscheinlich war niemand besser für diese Aufgabe geeignet, als Dennis Gansel. Aus reinem Zufall war in unserem DVD Ausleihabonnement letztes Wochenende sein vorheriger Film “Napola” dran, so dass wir das Glück hatten, mit seiner Arbeit etwas vertrauter zu sein. In “Napola” führt Gansel den Zuschauer in die Welt der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im dritten Reich. Diese Eliteschulen sind auch heute nicht vielen bekannt, denn sie waren lange Zeit ein Tabuthema. Die ausergewöhnlich liebevoll gestaltete DVD enthält umfangreiches Hintergrundmaterial. Der Regisseur erzählt, dass er den Zuschauer ebenso verführen wollte, wie der Hauptdarsteller verführt wird. In “Die Welle” geht Gansel erfolgreich nach diesem bewährten Muster vor. Heute Erwachsene werden den Film aus der Sicht des brilliant besetzten Lehrers (Jürgen Vogel) sehen können. Man kann die Geschichte ein zweites Mal neu erleben.

Wer nach dem Film im Internet sucht bekommt im deutschsprachigen Wikipedia zur Zeit noch vorgeführt, dass Wikipedia alleine zur Recherche nicht reicht. Der “Die Welle Roman” Artikel behauptet, der Roman sei 1981 verfilmt worden. Der “Die Welle – TV Film” Artikel betont, dass der Roman auf dem Film beruhe und nicht umgekehrt und versäumt dabei, darauf hinzuweisen, dass die Handlung auf einer wahren Begebenheit beruht.

Ich war für diesen Film seit langem mal wieder im Kino und stelle zu meiner eigenen Verwunderung fest, dass DVDs mich immer noch nicht so beeindrucken können, wie Filme auf grossen Leinwänden: Nur wenn ich im Kino war, steht hinterher etwas im Blog.

Wie fast immer rate ich dazu, vor Konsum des Films keine detailierte Inhaltsangabe zu lesen. Auch nicht Wikipedia.

One Response to “Die Welle / Napola”

  1. [417821] Wolf Says:

    Ich würde ja nun gerne den Wikipediaartikel korrigieren, aber du hast ja davon abgeraten. Jetzt ist es an Dir!

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